Freitag, 29. Januar 2010

Panta rhei

Ich könnte an dieser Stelle mit einem grenzenlos unkreativen Eintrag über das Januarloch aufwarten und würde ihm damit nur in die Hände spielen; eine Existenzberechtigung geben. Dabei ist dieses Loch lediglich eine Rechtfertigung für unsere eigene Faulheit, uns am Anfang eines Jahres zusammenzureissen. Eine Illusion. Und dennoch: Was hat mich einen ganzen Monat lang daran gehindert, etwas Neues zu veröffentlichen? Die Faulheit kann es nicht gewesen sein, denn Schreibversuche hab ich immer wieder unternommen. Man schreibt und schreibt und trotzdem stürzt alles in ein Loch des Misslingens. Anfangs versucht man dieses Loch zu umschreiben, anschliessend beschreibt man es, nur um zu merken, dass man sich wiederum verschrieben hat.

Es bleibt mir kaum etwas übrig, ausser dieses Loch zu stopfen; es in grenzenloser Schreibwut ganz auszufüllen. Der Autor bittet die geehrten Leser um Nachsicht, da der folgende Text in seiner Orientierungslosigkeit mehr oder weniger ausarten könnte, was in diesem Moment allerdings nicht mit absoluter Sicherheit gesagt werden kann. Nichtsdestotrotz wünscht der Autor viel Lesevergnügen beziehungsweise Leseausdauer.

Es gibt Orte, welche einem direkt in die Kindheit zurück katapultieren. Nicht weil sie magisch sind, sondern weil man dort unzählige Stunden verbrachte. Einen solchen Ort durfte ich vor einigen Tagen wiederentdecken, konnte dort verweilen und einen Spaziergang in die Vergangenheit unternehmen. Die ursprüngliche Unternehmung lautete völlig anders und schloss Zeitreisen nicht mit ein. Ich musste einige Briefe austragen und da sich die Gemeinde an der Birsmündung winterlich verzaubert - besser gesagt vergleichsweise winterlich verzaubert - präsentierte, entschied ich mich gegen das Fahrrad und für einen Spaziergang. Dieser führte mich aus meinem Quartier an das Ufer des Rheins, vorbei am Spielplatz, der tief verschneit und verlassen auf Kinder wartete. Meine Füssen trugen mich weiter entlang der Uferpromenade, welche streng genommen den Titel Gassi-Geh-Gosse verdient hat. Als ich diese hinter mir gelassen hatte, stand ich vor - oder besser gesagt über - der Schleuse, welche seit einem halben Jahrhundert mit dem Kraftwerk zusammen den Rhein an dieser Stelle staut.

Ich schlenderte auf die Schleusenbrücke, weil man von dort eine anregende Aussicht auf den Rhein, Basel und die Birsmündung geniessen kann. Am Ufer tümmelten sich Möwen; die meisten beobachteten abwartend das Wasser, andere stritten sich um ein viel zu grosses Stück Brot.  Die Möwen waren nicht weiss, sondern grau, denn ihr Gefieder konnte mit dem Weiss der Schneedecke nicht mithalten. Schneedecke ist im Grunde genommen das falsche Wort, aber hier am Rheinknie muss man sich mit weniger zufrieden geben. Das Rheinwasser lag gewohnt grau-grün und erstaunlich ruhig im Becken der Schleuseneinfahrt. Das Schleusentor wartete mit einem einem rostdurchsetzten Olivgrün auf; nur die Rohre der Hydraulikpumpen glänzten. Das Pier, die Poller, der Kontrollturm; alles noch da. Die Zeit hat allem zugesetzt. Mir auch.

Und dennoch: die Dämme halten den Wassermassen noch immer Stand. Ich rief mir eine Kindervorstellung ins Gedächtnis zurück: Was wäre, wenn die Dämme brächen? Wie gross wäre die Flutwelle? Und wieviele Häuser würden in Basel weggespült werden? Kindervorstellugen eben.

Ich hatte ausserordentliches Glück und konnte einer Talschleusung eines Frachtschiffes beiwohnen. Ein Schauspiel, welches ich in meinen ganz jungen Tagen unzählige Male mitverfolgte. Endlich kam leben in die Szenerie: Der Schleusenwart eilte auf dem Pier zwischen dem Kontrollturm und dem Schiff hin und her, bis der Papierkram erledigt war. Danach wurden die Pumpen in Gang gesetzt und ihr Grollen war auch auf der Brücke noch zu spüren. Die ausströmenden Wassermassen wirbelten die Schleuseneinfahrt auf und die Möwen schwangen sich aufgeregt in die Luft. Mein Geist wurde ebenfalls aus seinem Winterschlaft geweckt und lebhafte Erinnerungen stiegen aus ihrer Versenkung auf.  Das Schauspiel war schnell wieder vorbei: der Wasserstrom versiegte, langsam und ächzend öffneteten sich die Schleusentore. Das Frachtschiff setzte seine Reise rheinabwärts fort und ich beugte mich über die Brüstung aus Aluminium. Deren Oberfläche war mit Kritzeleien übersät: Menschen und Menschenpaare, die sich mit Namen und Datum auf dieser Brüstung teilzeit-verewigten. 1985,1988,1991...
Wissen diese KritzlerInnen noch, dass ihr Name auf dieser Brüstung prangt? Welche Beziehungen haben überlebt? Fragen über Fragen und mir fiel ein Zitat von Heraklit ein, welches besagt, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigt. Alles fliesst.

Die Briefkästen warteten noch immer auf meine Briefe und ich stapfte weiter. Nicht zurück sondern weiter.